Zwischen Mutterliebe und Gattenhass
Bruno Weil dirigierte am Samstag im Musiktheater Linz die Premiere von Luigi Cherubinis Oper "Médée".
Luigi Cherubini mag in seiner 1797 uraufgeführten Oper "Médée" eine Personifizierung der Revolution gesehen haben, die ja schließlich auch blutig mit der Werteordnung brach und viele ihrer Kinder tötete, und damit Kritik an den Wirren der Zeit geübt haben. Regisseur Guy Montavon verlegte sein Drama um die Bruder- und Kindermörderin in den Trump-Tower, in die nicht minder unbarmherzige Welt der Finanzhaie und Geschäftsimperien.
Am Samstag hatte die Koproduktion mit der Opéra de Nice und dem Theater Erfurt im Musiktheater Premiere. Entscheidender als der heute ohnehin übliche Griff der Regie zur logischen Aktualisierung war die Fassung, die annähernd Cherubinis französisches Original wiederherstellte. Eine Fassung mit gesprochenen Dialogen (im Linzer Musiktheater auf Deutsch) und den Arien und Ensembles in französischer Sprache.
Mit Bruno Weil stand auch ein Dirigent am Pult, der die Musik auf den Punkt brachte und sie in ihrer Dramatik dort beließ, wo sie hingehört, und nicht fälschlich wie die später gespielte und nicht vom Komponisten stammende italienische Fassung zur großen romantischen Oper hochstilisierte. Das bedeutet eine kleine Besetzung, in der die Bläser fein hervortreten können, und Tempi, die eher dem Stil als falsch verstandenem Pathos zugeordnet werden können.
So gelesen schaffte Bruno Weil mit dem höchst engagierten Bruckner Orchester eine ideale Basis für ein dramatisches und dennoch zeitlos aktuelles Musiktheater. Annemarie Woods stellt die Chefetage mit massentauglichem Großraumbüro eines Weltkonzerns auf die Bühne, den Jason, der nach gesellschaftlichem Aufstieg schielt, leitet.
In der Abwärtsspirale
Da reicht Medea, die ihm durch Verrat der eigenen Familie und des Vaterlands zum Sieg verholfen hat, nicht mehr, und er lässt sie zugunsten des blonden Naivchens Dircé fallen. Allerdings ist diese die Tochter des Königs, hier vielleicht des gewichtigen Finanzimperators. Medea sieht keine andere Wahl, als ihre gekränkte Seele zu rächen und aus purem Hass zum Äußersten – der Ermordung der Kinder – zu greifen. Diese Abwärtsspirale psychischer Bedrängnis, die unweigerlich zur Katastrophe führen muss, gelingt der Regie Montavons hervorragend. Das hängt auch damit zusammen, dass sich die Protagonisten – allen voran Brigitte Geller als grandiose Médée – in diese Konzeption ideal einfügen. Faszinierend dabei das Schwanken zwischen Mutterliebe und Gattenhass, der Medea zu einem zwiespältigen, gar nicht so unsympathischen Charakter macht. Geller versteht es, diese Musik höchst dramatisch zu gestalten: keine Callas-Kopie, sondern eine höchst eigenständige Interpretation. Matjaz Stopinsek mimt als Jason jenen Charakter, der zur Befriedigung aller Lüste kalt und berechnend über Leichen geht. Er hat für diese Partie die ideale Stimme, die noch über eine leichtgängige Höhe verfügt und doch dramatisch genug ist, Cherubinis musikalischen Ausbrüchen standzuhalten.
Martin Achrainer ist ein berechnender Despot mit menschlichen Zügen, auch er versteht es, diese Partie nicht nur darstellerisch, sondern auch stimmlich perfekt zu inszenieren.
Von Angst zerfressen spielt Theresa Grabner die Neuerwählte Jasons, die als naive Blonde in High Heels nach dem sexuellen Abenteuer Ausschau hält und doch panisch allein schon vor dem Namen Medeas zusammenzuckt. Sie gestaltet ihre große Arie im ersten Akt höchst überzeugend. Das tat auch Jessica Eccleston mit ihrer großen Arie der Néris im zweiten Akt gemeinsam mit Nadia Perathoner als virtuoser Fagottsolistin. Beeindruckend auch die vielseitigen Leistungen des Chors.
Fazit: Eine musikalisch wie szenisch aus einem Guss gestaltete Produktion einer großen Oper, die man sich nicht entgehen lassen sollte.